Das Gras ist bekanntlich immer grüner beim Nachbarn. Und um es vorweg zu nehmen - ich bin selbst Lehrer und deswegen befangen. Aber: Ich habe im Studium schon einige Jobs gehabt und vorher auch in Vollzeit eine Ausbildung absolviert und auch in dem Berufsfeld gearbeitet.
Seit Gerhard Schröder vor etwa 30 Jahren vom Stapel ließ, dass Lehrer "faule Säcke" seien, hält sich die Meinung hartnäckig, dass man sich als verbeamtete Lehrkraft die Eier/-stöcke für einen Halbtagsjob vergolden lässt. Ob nun Neid, soziale Ungerechtigkeit oder Steuerverschwendung, besonders auf Reddit wird m.E. nach sehr negativ auf den Job geblickt. Dem möchte ich meine eigene (niedersächsische) Perspektive hier zum Diskurs geben.
Die Hängematte des Halbtagsjobs
Die Kritik beginnt schon beim Missverstehen der Stundenzahl. Mit 23,5 Schulstunden pro Woche arbeite ich Vollzeit. Was?! Das ist im normalen Arbeitsumfeld weniger als halbtags, wenn man es auf 60 Minuten pro Stunde hochrechnet! Das bildet die direkte Unterrichtsverpflichtung und auch nur diese ab. Die Zahl rührt aus dem Aufwand, welcher einst für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts sowie administrativer Aufgaben festgestellt wurde, um eine 40-Stunden Woche zu füllen. Jede*r kennt bestimmt Stunden oder Lehrkräfte (generell), die schlecht vorbereitet waren oder erst nach Monaten Klausuren zurückgegeben haben. Ganz zu schweigen von Aufgaben, von denen man als Schüler*in schlicht nichts mitbekommt. Dass von den Ferien lediglich 30 Tage als standardmäßiger Urlaubsanspruch des öD gelten und der Rest als unterrichtsfreie Zeit berechnet wird und deswegen in den Arbeitswochen, aber eben auch in den Ferien mit mehr Arbeit zu rechnen ist (später mehr dazu), wird auch gerne missverstanden. Letztlich ist die Frage, ob das nun auch wirklich alles so hinkommt, oder ob Lehrkräfte mit dieser Regelung bevor- oder benachteiligt werden, immer wieder im Diskurs, wobei man sich auf Seiten der Lehrkräfte häufig für eine Arbeitszeitmessung stark macht oder sogar nur um diese Maßnahme klagt.
Sind Lehrkräfte überbezahlt?
Das Gehalt als Beamter ist in Ordnung (A12-A13), als angestellte Lehrkraft ist es TV-öD E12-13, was meines Erachtens nicht das zweite Staatsexamen und den sehr anstrengenden Job widerspiegelt. Insgesamt ist diese Gehaltslücke völlig ungerechtfertigt und sollte geschlossen werden. Übrigens: Auch bei Beamten gibt es je nach Land unterschiedliche Besoldungen trotz gleicher Stufe. Insbesondere hier sehe ich noch am ehesten den Diskurs zur Lehrkraft: Was ist eigentlich ein faires Gehalt? Besonders im sozialen Bereich eine schwierig zu beantwortende Frage, da der Gegenwert schwieriger / nur indirekt zu ermitteln ist. Im internationalen Vergleich (mit OECD-Ländern) zahlt Deutschland viel für Lehrkräfte, aber wenig für Bildung.%20liegen,sechs%20Prozent%20ihres%20BIP%20in%20Bildung%20investieren) Wir haben eine lange Ausbildungszeit, sollen viele Spezialistenaufgaben (wie etwa die IT, Beratung etc.) nebenher übernehmen, aber bekommen dafür auch gutes Geld. Wir müssen in maroden Schulen arbeiten und finanzieren häufig selbst wichtige Werkzeuge für eine bessere Unterrichtsqualität, weil der Schul-Etat es nicht hergibt. Mit knapp 44% arbeiten deutlich mehr Lehrkräfte in Teilzeit als die Durchschnittsbevölkerung und beziehen dabei dann auch kein volles Gehalt / erarbeiten sich keine vollen Pensionsansprüche.
Das Totschlagargument
Wenn man schon über das Gehalt bzw. den Sold spricht, kommt es hervor - das Totschlagargument: "Jede*r kann sich doch als Lehrkraft verbeamten lassen!"Jain, Verbeamtung ist je nach Bundesland, Fachbereich, Gesundheitszustand und Alter unterschiedlich wahrscheinlich und natürlich kann nicht jede*r nach erlerntem Beruf an die Schule wechseln (obwohl die Schulsysteme deutlich durchlässiger als andere Branchen sind). Aber dieser Filter gilt auch vorher schon und ist bei Studienbeginn nun auch nicht risikofrei abzuschätzen. Ich habe einige ehemalige Kommiliton*innen, die entweder um die Verbeamtung kämpfen oder diese leider nun vorerst ausgeschlossen ist. Auch gibt es einige, die sowohl im Studium, als auch im Referendariat auf der Strecke bleiben - noch mehr Risiko. Klar, das gibt es in jedem Studiengang / Branche, aber deswegen wird eine längere Ausbildungsdauer meist auch besser vergütet, da dort auch das Risiko steigt, auf dem Weg zu scheitern. 6 1/2 Jahre sind es in Niedersachsen, wenn man alles in Regelstudienzeit (inkl. Referendariat) schafft.
Der harte Einstieg
Tjoa, Bezahlung passt, man wird für den (relativ) unkündbaren Job und die fette Pension beneidet. Was will man mehr? Während meines Refs gingen aus dem Jahrgangsteam von 11 Leuten ganze 3, 2 davon mit Branchenwechsel (in schlechter bezahlte Jobs). Sind die doof? Werden die böse in der harten Wirtschaft erwachen und sich dann die gemütliche Beamtenstelle zurückwünschen? Die Zahlen sprechen da eine andere Sprache.
Ich fühl's auch gerade. Das Ref hab ich ganz okay überstanden - da war die größte Herausforderung, dass das Leben um einen herum passieren kann und man dafür keine Zeit / keinen Raum hat. Auf meiner ersten Stelle fühl ich mich im Team wohl, werde von Schüler*innen und Kolleg*innen geschätzt, eigentlich alles ganz gut soweit. Aber der Stress pegelt manchmal extrem. Diesen September schiebe ich aus vielerlei Gründen immer wieder Nachtschichten, bin absolut kaputt und will nix mehr am Wochenende machen, einen Tag davon muss ich arbeiten und starte dann kaum regeneriert in die Woche. Es ist zu viel. Bald sind ja Herbstferien! Tja, 3 Korrekturen sind dann auf dem Tisch, eine davon als Vor-Abi / 300 Minuten Klausur. Und dazu noch ungeahnt viel Schulorganisationskram.Naja, ich hab eine super liebe Partnerin, enges direktes soziales Umfeld und sympathisches Arbeitsumfeld, ich glaube, ich komme da durch. Aber wenn da irgendeine Säule wegfällt, dann verstehe ich schon, warum so viele Lehrkräfte das Handtuch werfen. Und ich bin ja auch erst ein Jahr dabei. Letztlich gibt es immer wieder Stoßzeiten und auch Konflikte, die einen zermürben, wenn man sich nicht effektiv gesund erhält. Wie jeglicher sozialer Job arbeitet man sehr direkt, ist stets sichtbar und angreifbar. Über die Jahre finden da viele ihre Mitte / das dicke Fell / die Arbeitseffizienz, so einige scheitern auch leider daran. Übrigens erklärt sich so auch die hohe Teilzeitquote von Lehrkräften. Wenn das wirklich ein gutbezahlter Selbstläufer wäre - warum lassen da viele Geld (inkl. Pensionsansprüche!) auf der Straße liegen?
Was soll das Ganze?
Meine Reddit-Filterblase (, aber auch hier) lässt kaum ein gutes Haar am Lehrjob. Ich müsste mich nicht drum scheren, aber (hier) unbeliebte Meinungen zum Diskurs zu stellen - dafür sind wir ja hier. Und ich verstehe, das momentan schwierige wirtschaftliche Zeiten sind und ich über meine doch recht sichere Stelle dankbar sein sollte / bin. Meine Partnerin ist Berufseinsteigerin und bekommt das gerade voll ab. Das ist echt Mist, aber ich denke nicht, das ausgerechnet Lehrkräfte der Grund dieser Misere sind. Wir bekommen sogar relativ stark über unsere Schüler*innen diese Auswirkungen mit und auch ab. Der rauhere Ton, soziale Verelendung, die Politisierung und Suche nach Sündenböcken - das müssen wir mit auffangen und eben deswegen auch die Verantwortung und Mehrarbeit übernehmen. Gleichzeitig ist es - wie bestimmt viele soziale Jobs, auch ein deutlich erfüllenderer Job als es viele andere sind. Man sieht den guten Einfluss, den man hoffentlich hat und geht auch manchmal sehr beseelt nach Hause. Ich mag meinen Job, aber ich fühle mich (in dieser Redditblase) missverstanden. Ich hoffe, da einen kleinen Beitrag für zu leisten, die (auch durch schlechte Erfahrungen geprägte) Meinung zum Lehrerjob zu hinterfragen.
PS: Das soll widerum nicht den Lehrberuf jedweder Kritik erhaben machen - ich persönlich stoße mich etwa auch an der Unkündbarkeit und dem Resultat von tatsächlich faulen Lehrkräften, die aber deswegen ebenso durchgetragen werden. Aber ich will eine informierte Diskussion und keine Stammtischparolen, die das Land sowieso zusehends spalten.
PPS: Ich habe natürlich sehr viele häufig genannte Punkte der "Lehrerdebatte" wie etwa zu den Nachteilen des Beamtentums schlicht nicht aufgegriffen, weil sie häufig zu nischig / technisch sind und diesen Post noch größer und unverständlicher gemacht hätten. Aber manchmal sind sie als Eckpunkte schon sichtbar, wie etwa beim Thema Arbeitszeiterfassung und dem Richtspruch, der auf die oben verlinkte Klage kam.